Jura, was ist das eigentlich?

Das Thema Recht ist gerade im digitalen Zeitalter allgegenwärtig. In den Gerichtsshows sitzen Barbara Salesch und Alexander Hold auf ihrem Thron und „verknacken“ Tag täglich die Schauspieler auf der Anklagebank und vermitteln der Gesellschaft einen Eindruck des Richteramtes. Die Serien Boston Legal und Suits führen uns in das „coole“ Leben der Anwälte ein. Die Massenmedien vermitteln zwar ein eher einseitiges Bild, der Erfolg solcher Serien verdeutlicht jedoch das Interesse der Gesellschaft am „Recht“.

Vorlesungssäle füllen und den Fernseher einschalten reicht jedoch trotz eingehenden Studiums der einschlägigen Formate (leider) nicht ganz aus – es geht um mehr, um wahre „Wissenschaft“.

An dieser Stelle würde jeder Nichtjurist denken: „Jura, eine Wissenschaft? Von wegen!“ Aber: Rechtswissenschaft lässt sich eben nicht ohne Wissenschaft schreiben.

Der wissenschaftliche Teil der Jurisprudenz ist für Außenstehende grundsätzlich schwer zu erkennen. Die Rechtswissenschaft ist im Gegensatz zu den klassischen (empirischen) Wissenschaften wie der Physik, Biologie etc., bei denen es darum geht die Grundlagen der Natur zu erforschen, eine hermeneutische Wissenschaft. Ziel der Hermeneutik ist es, den Sinn der menschlichen Schöpfung auszulegen und zu verstehen. Sie erlangt in Form der Rechtswissenschaft allgemeine Bedeutung durch ihren Anspruch an die allgemeine Verbindlichkeit ihrer Texte (das formelle und materielle Recht) und deren Anwendung auf konkrete Lebenssachverhalte (den Fall). Die Rechtswissenschaft dient in erster Linie dazu, gesellschaftliche Konflikte zu lösen und in Zukunft zu vermeiden. In der Praxis wird dann versucht, den entsprechenden Lebenssachverhalt derart unter die Gesetze zu legen, dass nicht nur das Recht eingehalten wird, sondern dass der Konflikt für alle Beteiligten zufriedenstellend gelöst wird. Für euch bedeutet dies eine direkte Konfrontation mit der Arbeit an Fällen – und das schon in den ersten Stunden des Studiums. Dies werden zunächst kleinere Fälle sein, welche mit der Zeit immer komplexer werden. Der wissenschaftliche Teil beginnt in dem Moment, in dem das abstrakt formulierte Recht nicht mehr so eindeutig anwendbar ist. Daraus ergibt sich, dass Gesetze unter Beachtung der rechtlichen Grund-sätze und der juristischen Methodik ausgelegt werden müssen. Wie in jeder anderen Wissenschaft finden sich auch hier unter den verschiedenen Experten unterschiedliche Meinungen, was in der Regel zu einer Diskussion und schließlich der Formung verschiedener Meinungsbilder und Theorien führt, mit denen Ihr dann arbeiten müsst. Die verschiedenen Meinungsbilder und der ständige Diskurs innerhalb der Rechtsprechung können früher oder später dazu führen, dass das Recht in seiner jetzigen Form angepasst wird. Die Forschung dient aber nicht nur dazu, die bestehenden Gesetze anzupassen, sondern auch die Grundlage für neue Gesetze zu bilden. Die ganzen kleinen Einzelheiten werden sich mit der Zeit zu einem großen Ganzen verschmelzen und ihr werdet euer eigenes Bild der Rechtswissenschaft gemalt haben. Bis zu diesem Bild ist es ein langer Weg und ihr fangt gerade erst an zu lernen, wie man den Pinsel benutzt.

Andere haben sich jedoch schon ein Bild gemacht. Wenn man jemandem erzählt, dass man Jura studiert wird man entweder mit Ehrfurcht oder mit Abscheu angesehen. Abscheu erfährt man meist von den Leuten, für die Rechtsanwälte nur geldgierige Schufte sind, die über Leichen gehen, um ein größeres Auto zu fahren. Ehrfurcht von denen, die den enormen Ehrgeiz und Einsatz bewundern, welche das Jurastudium begleiten – oder von denen, die dem Vorurteil erlegen sind, dass man nur etliche Paragraphen und Artikel auswendig lernen würde. Macht euch euer eigenes Bild und seid offen für Neues – und auch euren Kommilitonen gegenüber.